Theologische Reflexion

Friedhöfe für Tiere (von Pfarrer Dr. Seidel)

In Deutschland werden immer mehr Tierfriedhöfe eingerichtet und manche Großstadt hat davon sogar mehrere. Die meisten Menschen haben keinen Garten oder einen anderen Ort, wo sie ihr Tier begraben könnten. Wer Abschied nehmen muss von einem geliebten Tier kann sich nicht vorstellen, es einfach pietätlos in die Abdeckerei zu geben oder in die Mülltonne zu werfen. Doch die Meinungen der Leute darüber sind sehr geteilt. Tiere auf einem normalen Friedhof zu beerdigen ist nicht möglich, nach der deutschen Gesetzgebung sind Friedhöfe allein Menschen vorbehalten und viele Zeitgenossen lehnen das als furchtbar übertrieben ab. Aber der Wunsch nach einer Grabstelle hat damit zu tun, dass man einen Ort der Trauer braucht, wo man hingehen und sich erinnern kann. Wenigstens in der Grabpflege kann man für ein anderes Geschöpf noch etwas tun, egal ob Mensch oder Tier.

 Was ist eigentlich ein Friedhof?

Nun, würde man sagen: ein Ort der Toten! Aber der Friedhof hat eine viel tiefere Bedeutung und eine lange Geschichte: Der Mensch kehrt zurück zu seinem Ursprung, in die Mutter Erde, aus der er am Anfang der Lebenskette hervorgegangen ist. Die Erde ist in vielen Religionen heilig oder eine Göttin (Gäa oder Gaja). Auch die Bibel weiß das, denn Gott macht den Menschen aus Erde und der Mensch wird auch wieder zu Erde, „von der er genommen ist“ (1. Mose 3,). Wer in der Erde ruht, ruht in Gott. Ein Friedhof soll uns auch an unsere Vergänglichkeit erinnern und dass die Zeit unseres Lebens schnell vorüber ist. Die Blumen der Grabbepflanzung drücken das aus, denn die Bibel sagt: „der Mensch ist wie das Gras und die Blume, morgens blüht sie noch, des Abends ist die dahin“ (Psalm 103). So auch der Mensch, ein Wunderwerk, aber kurz ist sein Leben. Aber das merkt man erst so richtig, wenn man selbst älter wird. Das Kreuz deutet an, dass viel Leid und Schmerz von der Erde bedeckt ist. Christus, der umgebracht wurde, ist uns im Tod vorausgegangen. Ein Friedhof kündet aber auch vom Leben und zwar einem Leben, das nicht aufhört. Religiöse Menschen sind überzeugt, dass unser irdisches Leben nicht alles ist, sondern dass es noch weiter geht oder die unsterbliche Seele bei Gott ist. Wenn auf vielen Grabsteinen steht: „Hier ruht in Gott oder im Frieden“, dann ist der Mensch eigentlich in der Erde nur „aufbewahrt“ bis zum endgültigen Erwachen. Deshalb gibt es auf dem Friedhof so viele immergrüne Pflanzen, die Lebensbäume und den Efeu. Es gibt ein ewiges Leben, für das wir bestimmt sind. Auf christlichen Friedhöfen werden darum die Toten mit dem Kopf nach Osten bestattet – zum Sonnenaufgang und Richtung Jerusalem, also zur Auferstehung hin. Aber diese Sitte kennen auch kommunale Friedhöfe.

Ob es ein ewiges Leben gibt, fragen sich viele Menschen erst, wenn sie Abschied von einem geliebten Menschen nehmen müssen. Dann fragen sie: „Herr Pfarrer, gibt es ein Wiedersehen?“ oder: „Ist meine liebe Oma noch irgendwo?“

 Darf man Tiere bestatten?

Viele religiöse Menschen meinen: alles was wir gerade gesagt haben, gilt nur für die Menschen. Eine Bestattung in der geweihten Erde des Friedhofes ist das Privileg des Menschen, denn wir sind die besondere Schöpfung Gottes und haben allein eine unsterbliche Seele. Tiere kommen nicht in den Himmel und haben  auch keine Seele. Nicht gläubige Menschen sagen dasselbe anders: Tiere sind keine Menschen, sie stehen weit unter uns, denn allein der Mensch kann denken und bewußt handeln. Zuerst kommt der Mensch, Tiere sind weniger wert und man soll sie nicht behandeln wie Menschen, denn wir haben ihnen gegenüber keine besonderen Pflichten. Es gibt Rechte, die stehen allein uns zu. Das ist in unserer Kultur tief eingewurzelt. Darum erscheint vielen ein Tierfriedhof als Gipfel der Gefühlsduselei.

 Aber wer sagt denn, dass Tiere weniger wert sind als der Mensch oder dass sie keine Seele hätten? Nach der Bibel sind sie genauso von Gott geschaffen wie wir (1.Mose 1,24-27 am 6. der Schöpfungstag, der im bildlichen Sinn gemeint ist). Auch die Tiere sind von Erde genommen wie wir und gehen dahin zurück (1.Mose 2,19). Dazu kommt, dass sie auch im Paradies gewesen sind, dort ist nur der Mensch herausgeflogen (1. Mose 3,23), also müssten Tiere auch in den Himmel kommen. Als sein Hund gestorben war, hat ein Mann Martin Luther gefragt ob der ins Paradies kommt, „Ja“, hat Luther geantwortet, „glaubst du denn, dass das Reich Gottes eine Wüste ist?“ und mancher würde hinzufügen: „Wenn im Paradies keine Tiere sind, da will ich auch nicht hin.“ Wir können beruhigt sein, sie werden dort sein! Wie ähnlich, ja verwandt wir Menschen mit den Tieren sind, merken wir erst, wenn wir welche haben. Man muss Tieren nur in die Augen blicken, dann merkt man, dass sie eine Seele haben. Tiere haben auch Bewusstsein und können sich viel merken, sie haben wie wir Herz und Blut und eigentlich sind sie uns wie Kinder, weil wir mit ihnen, ob wir es merken oder nicht ganz eng zusammen wachsen können. Wie eng wir mit ihnen zusammen gewachsen waren, merken wir erst so richtig, wenn sie tot sind. Das ist beim Menschen nicht anders. Und warum soll man ihnen nicht eine letzte Würde erweisen, ihnen danken für ihre Anhänglichkeit und die gemeinsamen Jahre? Sie haben oft Trost gegeben und viel Freude gemacht haben, uns und unsere Kinder zu Liebe und Mitgefühl geholfen und uns menschlich reifen lassen. Tiere verändern uns Menschen und helfen unserer Seele, weil sie selber eine haben.

 Menschen und Tiere sind beide Geschöpfe Gottes oder nicht so fromm: wir gehören alle zum Leben, haben nur eine verschiedene Seinsform. Ohne sie gäbe es uns gar nicht – warum sollen wir ihnen im Tode den Respekt verweigern?

 Tiere in anderen Kulturen

Es ist wirklich unser europäisches Problem, dass wir Tiere und Menschen, Geist und Materie so stark trennen. In anderen Religionen sind Tiere heilig oder haben gar göttliche Eigenschaften. Die „heiligen Kühe“ der Inder zeigen, dass die östlichen Religionen höchsten Respekt vor dem Tier haben und glauben, dass auch in der Wiederverkörperung die Seelen zwischen Menschen und Tieren wandern. Dass in unserer Vorstellung Engel Flügel haben erinnert noch daran, dass sie einmal tierische Götterboten oder Tierseelen waren. Man hat damals schon ohne alle Wissenschaft gewusst, dass Menschen und Tiere enge Verwandte sind. In früheren Mythologien sind Tiere gar Götter gewesen und haben darin höchste Wertschätzung erfahren. Sie sind mit Menschen zusammen begraben worden und in die Ewigkeit eingegangen.

 Wie soll man Tiere begraben?

Viel Ablehnung Tiere zu bestatten kommt davon, dass niemand weiß, wie man sie bestatten soll. Für Menschen gibt es Trauerfeiern, die einen bestimmten Ablauf haben: Glockengeläut, Musik oder Lieder, eine Ansprache, ein Gebet, Gedichte oder einen Bibeltext, den Erdwurf am Grab. Es gibt Formulare, an die man sich halten kann. Für Tiere gibt es das nicht. Aber es hat auch lange gedauert, bis man aus der christlichen Bestattungsfeier eine weltliche gemacht hat. Das war auch nicht so einfach und ist es bis heute nicht. Leider aber ist es heute so, dass viele Menschen ihre Angehörigen ohne Trauerfeier unter die Erde bringen, sie also „begraben wie einen Hund“, für den es (bis jetzt) auch keine Feier gibt. Also muss man sich etwas überlegen. Ich konnte mir vorstellen, dass man etwas aus der Bibel vorliest, wo die Tiere als Gottesgeschöpfe vorkommen, dann kann man noch einmal daran denken, was man mit dem Tier erlebt hat und ein kleines Gebet sprechen. Z.B. hatte Albert Schweitzer Tiergebete, denn er hat uns Menschen an die Ehrfurcht vor allem Leben erinnert. Man muß aber aufpassen, dass man es nicht zu kitschig macht, vor allem die Grabgestaltung. Vielleicht müßte hier einmal etwas erarbeitet werden, das uns hilft, die Stunde des Abschiedes zu bewältigen. Für Kinder ist es auch sehr schwer, ihr Tier herzugeben und wenn man eine gute Form hat, wird manches leichter.

 Die letzte Ehre nur für Kuscheltiere?

Wenn wir unsere Hautiere beerdigen, lassen wir ihnen eine große Würde zukommen. Sie sind die Erwählten unter den Tieren und wir stellen sie uns fast gleich. Bei allem Elend der Tierheime, aber mit unsern Kuscheltieren fühlen wir Sympathie und Mitleid. Wir haben sie geadelt, komfortabel als Hausgenossen in unserer Nähe leben zu dürfen und ihnen lassen wir es an nichts fehlen. Kritische Geister meinen: wenn es allen Menschen so ginge wie diesen Tieren... Aber mir geht es jetzt nicht um die Menschen, sondern um die anderen Tiere, die nicht das Glück haben, beerdigt und vorher ein Leben lang liebkost und gehätschelt zu werden. Müssen sich nicht Tierfreund oder Tierfreundin fragen lassen, ob ihre Tierliebe nicht recht einseitig ist? Hunde, Katzen, Häschen... Aber was ist mit den Hühnern, Mastgänsen, Tiertransporten oder den Pelztieren, also mit dem Weihnachtsbraten und der Pelzmütze? Warum machen wir solche Unterschiede? Ist es Gefühlsarmut oder Bewußtseinsspaltung, dass die einen Tiere auf dem Tisch landen und die anderen unter ihm Platz nehmen dürfen?

 Wenn wir erst so weit wären, allen Tieren das Recht auf eine würdige Bestattung nach einem natürlichen Ende einzuräumen, dann wären wir um Lichtjahre vorangekommen auf dem Weg zu einer friedlichen Erde.

 â€žMein Bauch ist kein Tierfriedhof“

hat Nina Hagen provozierend gesagt und uns damit genügend Stoff zum Nachdenken gegeben. Denn wir könnten uns alles vorstellen, nur nicht unsere Heimtiere zu essen. Der Tierfriedhof in uns: Ich schlage vor: kuscheln wir unsere Tiere, tragen sie zu Grabe, sie haben es verdient. Aus Dankbarkeit ihnen gegenüber kaufen wir uns dann das längst fällige neue Kochbuch, das friedlich mit den anderen Tieren umgeht. Dann kommt unsere Tierliebe in ein gutes Gleichgewicht.

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